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1818 war Max als Sohn eines einfachen Landwirtes auf einem Einödhof im Donaumoos geboren.

Sein Patenonkel, Dr. Franz Xaver Pettenkofer, war der königlich bayerische Hof- und Leib-

apotheker, der es seinem Neffen Max ermöglichte, auf das Königliche Alte Gymnasium

(heutiges Wilhelmsgymnasium) zu gehen. Max war ein "schöner kräftiger Jüngling" mit

"rabenschwarzem Haar", er hatte schon eine Apothekerlehre hinter sich, als er an der

Münchner Uni Naturwissenschaft, Pharma und Medizin studierte. Das Studium

schloss er erfolgreich mit einem Doktor der Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe ab.

Mit noch nicht mal Dreißig wurde er 1847 zum Professor für medizinische Chemie

an die LMU berufen.

 

1854 erhält Prof. Pettenkofer einen Hilferuf vom Hofe Max II, da Aussteller und Gäste der "Ersten Allgemeinen Deutschen Industrieausstellung" erkrankten. Es wurde die "morgenländische Brechruhr", die "kalte Pest" oder der "blaue Tod", wie man damals die Cholera auch nannte, diagnostiziert. Diese Epidemie, an der in wenigen Wochen über 6.000 Menschen erkrankten und fast 3.000 starben, dauerte vom 18. Juli bis zu einem Kälteeinbruch Ende August. Auch danach traten noch einzeln Cholerafälle auf, so dass entschieden wurde, auch das Oktoberfest abzusagen.

Pettenkofer versuchte sofort nach Ausbruch den Brutherd der Epidemie zu lokalisieren. Er besuchte die betroffenen Viertel, wie zum Beispiel Haidhausen, in dem fast kein Haus von der Cholera verschont blieb. Es bedurfte keiner allzu langen Analyse, da die Ursache der Cholera zum Himmel stank. Überall in München lag Dreck, Unrat und Abfall, es gab Kuhfladen, Hunde- und Misthaufen an jeder Ecke (damals wurden in München noch über 2.000 Kühe und 4.500 Hunde gehalten) und auch die Versitzgruben für die Notdurft der Bürger waren nicht hinreichend vom Wassersystem getrennt. Die Fäkalien gärten stinkend vor sich hin und frisches Trinkwasser gab es keines. Die Brühe, die man aus den Brunnen oder Bächen schöpfte, war trüb, leicht grünlich schimmernd und völlig ungenießbar. 

Pettenkofer erkannte, dass die Krankheit meist dort ausbrach, wo der Grundwasserspiegel besonders hoch war. Die Ausbreitung der Seuchen folgt dem Verlauf der Flüsse und Stadtbäche. Seine Analyse schmeckte einigen Münchnern gar nicht, da sie einen radikalen Eingriff forderte: Es bedurfte einer flächendeckenden Schwemmkanalisation, also einer Untertunnelung der gesamten Stadt. Ein solches Megaprojekt muss erst einmal finanziell gestemmt werden und man war sich noch nicht mal sicher, ob es wirklich funktionieren würde. Die Bürger wollten keine Kanalgebühren entrichten. Auch die Mistsammler und Bauern, die urbane Fäkalien als besonders ergiebig, gut für die Düngung der Felder angesehen hatten, waren von Pettenkofers Idee einer Kanalisation geradezu geschockt.  Nicht nur, dass der gute Odel einfach unterirdisch weggeschwemmt wurde, auch wurde ihnen das lukrative Zusatzgeschäft der Versitzgrubenentleerung (bis zu 30 Gulden für eine Abfuhr) entzogen.

Professor Pettenkofer, der von den Münchnern bald leicht verächtlich "Scheißhäusl-Apostel" genannt wurde, setzte sich gegen all die Vorbehalte durch. Mit dem Bau der Münchner Kanalisation und Trinkwasserversorgung aus den Thalkirchner- und Mangfallquellen wurde schon bald begonnen. Erfreulicherweise stellte sich zügig der Erfolg mittels reduzierter Typhusfälle ein. Zwar irrte sich Pettenkofer mit seiner These, dass die Cholera in Miasmen aus dem Erdboden entströmt, dennoch war seine Ursachenbekämpfung absolut richtig: Den Münchnern stankt es schon bald nicht mehr so sehr und so wurde Pettenkofer 1865 zum Rektor der LMU, wo er den weltweit ersten Lehrstuhl für Hygiene übernahm. 1883 wurde er für seine außerordentlichen Verdienste sogar mit dem Ritterkreuzorden geadelte und mit Ehrungen geradezu überhäuft. Professor von Pettenkofer wird als Begründer der wissenschaftlichen Hygiene europaweit anerkannt und gefeiert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem fast 80% der  Wohnungen ans Kanalnetz angeschlossen waren, galt München als eine der saubersten Städte der Welt.

 

Ende 1893 emeritierte Professor Max von Pettenkofer und zog sich meist in sein Sommerhaus bei Seeshaupt zurück. Im damals hohen Alter musste er die Todesfälle seiner beiden Söhne und seiner Frau verkraften. Bald darauf erkrankte er an Demenz und so entschloss er als 82jähriger am 10. Februar 1901 in seiner Wohnung im obersten Stock der Münchner Residenz sich die Kugel zu geben.

Professor Max von Pettenkofer - alias Scheißhäusl-Apostel

(*  3. Dezember 1818 im Donaumoos; † 10. Februar 1901 in der Münchner Residenz)

Abbildung (oben): Max Josef von Pettenkofer nimmt eine Wasserprobe in Neuhausen, dargestellt von Munichkindl; unten: Photographien vom jungen und alten Pettenkofer, sowie eine Analyse zum Krankheitsbild (1831, Wellcome Library, London)