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Adele Spitzeder wuchs als höheres Töchterlein eines Opernsänger- und Schauspieler-Ehepaars in vornehmer Gesellschaft auf. Adele beendete die Schule und machte eine Schauspiel-Ausbildung in München. Sie war 25 Jahre als sie ihr Schauspiel-Debüt in Coburg gab. Danach war sie an vielen kleinen Theatern in ganz Deutschland engagiert und dabei gelegentlich auch in München. Ihr Lebensstil war exzessiv und damit auch kostspielig. Sie hatte wechselnde Lebensgefährtinnen, die als "Gesellschafterinnen" beschäftigt waren, logierte mit bis zu sechs Hunden stets in angesagten Hotels und ließ sich von Privatangestellten bedienen.

 

So kam es, dass Adele Spitzeder nahezu insolvent im Hotel Deutsches Haus am Marienplatz auf die Idee kam, einer Frau eines Zimmermanns aus der Au einen 30 prozentigen Zins in drei Monaten für 100 Gulden zu versprechen. Als Beweis ihrer Vertrauenswürdigkeit zahlte sie ihr die ersten beiden Monatszinsen von 20% sofort bar aus. In drei Monaten würde sie dann den Rest, also 110 Gulden, erhalten. Diese Nachricht schlug ein, verbreitete sich rasant wie ein Lauffeuer und weitere Leute kamen um ebenfalls Geld zu solch grandiosen Konditionen anzulegen.

 

Zuerst zog sie in den Gasthof Goldener Stern im Tal, dem heutigen Einrichtungshaus Böhmler, doch die Geschäfte liefen schließlich so gut, dass Adele Spitzeder 1869 sogar eine eigene Bank gründete. Ihre Filiale eröffnete sie an der Dachauer Straße in München. 

 

König Ludwig II. ließ gerade einen monumentalen Wintergarten auf der Residenz bauen, als das Gerede der einfachen Leute groß war über die blöde Obrigkeit und die blöden Banken und dass sich keiner der Grosskopferten sich um Ihresgleichen kümmern würde. 

 

Neben der meist bäuerlichen Kundschaft wollten auch Handwerker, Dienstboten, Kleinhäusler  und Taglöhner aus der Au, Giesing und dem Münchner Umland von den sagenhaften Zinsen profitieren und so wurde Spitzeders Privatbank nahezu überrannt. Ihr Kreditinstitut wurde im Volksmund "Dachauer Bank" genannt. Ob diese inoffizielle Namensgebung durch die Dachauerstraße oder Kunden aus dem Dachauer-Raum kam, ist nicht wirklich bekannt.

 

Als Geldverleiherin zog sie 1871 in ein Haus an der Schönfeldstr. 9 (eine Seitenstraße von der Ludwigstraße, gleich hinter dem Hofgarten, in der Nähe zum Englischen Garten), das sie für 54.000 Gulden erworben hatte. Sie lässt ein Schild an der Fassade anbringen "Adele Spitzeder, Privatière, Sprechstunden von 1-2 Uhr". Da mittlerweile Leute aus ganz Bayern anreisen, muss sie teilweise deutlich länger die Ersparnisse ihrer meist dörflichen Kundschaft annehmen.

 

In den aufwändig eingerichteten Räumen stapelte sich das Geld ihrer Anleger säckeweise und "der Wandschrank ist zuweilen dergestalt mit Silbermünzen angefüllt, dass der Boden zu brechen drohte". Adele Spitzeders Geschäftsgebaren war äußerst ungewöhnlich. Ihre Buchführung wurde lediglich über ein Quittungsbuch abgewickelt, ihre bis zu vierzig Angestellten hatten alle keine kaufmännische Ausbildung und sollen sich ebenfalls aus den Geldsäcken bedient haben. Ein sich selbst tragendes Geschäftskonzept war dies natürlich nicht. Alles basierte auf einem Schneeballsystem. Auszahlungen und Zinszahlungen, mittlerweile nur noch in Höhe von 5 bis 7% pro Monat, nahm sie lediglich aus anderen, neuen Einlagen vor. 

 

Als ausgebildete Schauspielerin fiel es ihr nicht schwer sich zusehends fromm zu geben. Durch ihre Spenden zu kirchlichen Zwecken, konnte sie sich sogar den Ruf einer Wohltäterin erwerben. Zudem eröffnete sie sogar eine Volksküche im Orlandohaus am Platzl, so dass die katholische Kirche fest zu ihrem "Engel der Armen" stand.

Adele Spitzeder, Engel der Armen

Privatière der Dachauer Bank 

(* 1832 in Berlin; † 27. Oktober 1895 in München)

Abbildung: Adele Spitzeder dargestellt von Munichkindl (2017), darunter zeitgenössische Karikaturen aus den "Münchener Neuesten Nachrichten"

Damit trotz katholischem Segen nicht alles aufflog, bestach sie die Münchner Presse nicht nur indem sie große Anzeigen für ihr Institut in die Zeitung stellte. Mit über 10.000 Gulden erkaufte sie sich einfach eine positive Berichterstattung, die den ersten kritischen Stimmen ein Gegengewicht setzen sollte.

 

Immer mehr Anleger brachten teilweise über 100 000 Gulden pro Tag. Das spürten schließlich auch die anderen Banken, denen das Geschäft einbrach. Die Münchner Sparkasse zahlte einen Jahreszins von 4%. Bei Adele Spitzeder wurden mindestens 60% versprochen. Der Sparkasse wurden wegen der "Dachauer Bank" in einem Jahr 50.000 Gulden Einlagen abgezogen und so kam es schließlich, wie es kommen musste. Insbesondere durch den Druck aller anderen Banken, wurden ihr Geschäftsmodell als Schwindel entlarvt. Man schürte Gerüchte, dass die Bank bald geschlossen wird und so wollten vierzig Anleger gleichzeitig ihr Geld, so dass durch die massiven Abhebungen das Kartenhaus in sich zusammenfiel.

 

Adele Spitzeder wurde am 12. November 1872 wegen Betruges verhaftet. Nach einer zehnmonatigen Untersuchungshaft wurde sie zu weiteren drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Dieses Urteil erscheint milde, wenn man bedenkt, dass sie in nicht ganz zwei Jahren etwa 20.000 Gläubiger um über 8 Millionen Gulden (heute umgerechnet etwa 88 Millionen Euro) gebracht hatte und einige der vertrauensseligen Anleger ihre gesamte Existenzgrundlage verloren hatten und  in der Verzweiflung schließlich Selbstmord verübten.

 

Die vergleichsweise kurze Haftstrafe musste Adele Spitzeder aus gesundheitlichen Gründen dann auch nicht im Zuchthaus verbringen, sondern im Arrest in der Badstraße, wo sie ihre Zeit mit dem Schreiben ihrer Memoiren verbrachte. Nach ihrer Entlassung ging sie vorübergehend ins Ausland, kam aber schon bald wieder nach München zurück, wo sie "Die Geschichte meines Lebens" 1887 veröffentlichte. 

 

Nachdem man ihr verbot, erneut ein Bank zu eröffnen, begann sie wieder mit der Schauspielerei und führte ein sorgenfreies Leben. Mit 62 Jahren verstarb sie an Herzversagen und wurde anonym am Alten Südlichen Friedhof beerdigt.