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München in Zeiten des Wiederaufbaus

NOCH IN BEARBEITUNG

Bau-, Olympia- und Krawalljahre - Beginn der Moderne

1960 bis 1972 n. Chr.

1960 wird der gerade einmal 34 jährige "Vogel-Hansi" mit 64,2% der Stimmen zum Münchner Oberbürgermeister gewählt und damit zum jüngsten OB einer europäischen Millionenstadt. Hans-Jochen Vogel setzte sich gegen den "Ochsensepp", dem CSU Widersacher Josef Müller, durch und übernahm damit sowohl die Amtskette, als auch die Amtsgeschäfte von Thomas Wimmer. Sechs Jahre später, 1966, fand die nächste Stadtratswahl statt, bei der Vogel mit grandiosen 78% wiedergewählt wurde. Dieses Wahlergebnis zeigt, dass die Münchner sehr zufrieden waren mit Ihrem Dr. Vogel, in dessen beiden Amtszeiten viele maßgebliche Entscheidung anstanden:

Am 1. Februar 1965 setzt Vogel mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsident Alfons Goppel den erste Spatenstich für die Münchner U-Bahn an der Haltestelle Nordfriedhof. Kurz darauf, im April 1966, wurde bekannt, dass die Olympischen Sommerspiele 1972 nach München vergeben werden. Dadurch entstand ein ziemlicher Termindruck und die Umsetzung der U-Bahn-Pläne musste deutlich beschleunigt werden. Bereits im Sommer 1967 fuhren die ersten U-Bahn-Prototypen zwischen Alter Heide und Studentenstadt im Probebetrieb. Am 19. Oktober 1971 war es dann soweit und die ersten Fahrgäste konnten die Fahrstrecke zwischen Kieferngarten und Goetheplatz nutzen. Damit war München, lange nach Berlin (1902) und Hamburg (1912), die dritte Stadt in Deutschland, die über ein eigenes U-Bahn-Netz verfügte. Im Mai 1972 kam mit der U3 der Abzweig Münchner Freiheit Richtung Olympiazentrum gerade noch rechtzeitig zu den Olympischen Spielen. 

Ein weiteres Projekt musste ebenfalls rechtzeitig zur Olympiade fertig werden: die Münchner Fußgängerzone. In den 60er-Jahre fuhren noch etwa 1.400 Straßenbahnen, sowie bis zu 75.000 Autos tagtäglich durch die Kaufinger- und Neuhauser Straße. Die Fußgänger drängten sich auf dem schmalen Bürgersteig und die Luft war geschwängert von Autoabgasen. 1966 hatte der Stadtrat beschlossen den Bereich zwischen  Marienplatz und Stachus zu einem ausgedehnten Fußgängerbereich umzuplanen. Damit entstand am 30. Juni 1972 eine der ersten Flaniermeile Deutschlands.


Neben U-Bahn-Bau und Umsetzung der Münchner Fußgängerzone war in den Sechzigern ganz München eine gigantische Baustelle: 1961 wird der Grundstein fürs Klinikum Großhadern gelegt und am Nationaltheater wird Richtfest gefeiert; 1964 wird das scheußliche Herti-Hochhaus an die Leopoldstraße geklotzt; von 1960 bis 65 wurden über 36.000 Sozialwohnungen gebaut; 1966 beginnt dann der Umbau des Stachus und der Odensplatz wird zur Großbaustelle; 1967 wird, neben dem Marienplatz, auch der Sendlinger-Tor-Platz komplett umgebaut; 1968 wird der Fernsehturm eröffnet und der Arabellapark teilweise bezogen; 1969 wird ein intakter Jugendstilbau am Marienplatz abgerissen, um dort bis 1972 den, an Abscheulichkeit kaum zu überbietenden, Kaufhof zu erbauen; 1970 wird das moderne Stachuszentrum als größte unterirdische Einkaufspassage Deutschlands eröffnet; 1971 sind die Richtfeste fürs Olympiastadion, die Schwimmhalle und die Olympiahalle - alles gerade noch rechtzeitig für die Olympischen Sommerspiele.

Während der Amtszeit von Vogel stieg die Bevölkerungszahl um 300.000 Menschen, wovon etwa ein Viertel aus dem Ausland zuzog. Bei der Wahl im Juni 1972 trat Vogel dann nicht mehr an, da in seiner Münchner SPD derart heftige Flügelkämpfe entbrannten und alle so zerstritten waren, dass ein innerparteilicher „Krieg“ ausgerufen wurde. Vogel schmiß in München hin und machte Karriere in der Bundespolitik, blieb aber seinem München immer eng verbunden. Obwohl Vogel zwar in Niedersachsen geboren war, ist er eigentlich fast ein richtiges Münchnerkindl, denn schon sechs seiner acht Urgroßeltern liegen auf Münchner Friedhöfen begraben.

Die Olympiade, die Vogel nach München geholt hatte, durfte dann schon der "Schorsch" Kronawitter als neuer OB mit eröffnen. An der Olympiade nahmen vom 26. August bis 11. September 1972 insgesamt 121 Mannschaften und über 7.000 Athleten teil. Bei der sonnigen und farbenprächtigen Eröffnungsfeier saß Joachim Fuchsberger am Mikrofon. Goaßlschnoizer, Schuhplattler und Alphornbläser traten auf, als der neu gewählte Georg Kronawitter zu Klängen von bayerischer Blasmusik die Olympische Fahne übernahm. Die ersten zehn Tage entsprach die Münchner Olympiade einer riesigen, fröhlichen Party, ganz dem Motto waren es "Heitere Spiele". Die Sicherheitsvorkehrungen wurden bewusst locker gehalten und so kam es, dass am Morgen des 5. September 1972 acht palästinensische Terroristen über den Zaun des olympischen Dorfs kletterten, um dort die israelischen Mannschaft zu überwältigen und elf Delegationsmitglieder gefangen zu nehmen. Was daraufhin folgte, war wohl einer der dilettantischsten Polizeieinsätze überhaupt. Die junge Bundesrepublik war mit der Situation völlig überfordert. Eine Politesse im Minirock verhandelte mit den Attentätern, Polizisten, die nicht für solche Einsätze ausgebildet waren, wurden live im Fernsehen übertragen, als sie sich vorbereiteten die Wohnung im Überraschungsangriff zu stürmen, während die geheime Vorgängertruppe der GSG9 einsatzbereit wartete endlich eingreifen zu dürfen. Doch die BND-Einheit in Pullach war so geheim, dass diese Einsatzoption der Münchner Polizei gar nicht bekannt war (siehe 'München ’72 – die Dokumentation' vom ZDF). Beim Befreiungsversuch am Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck lief dann alles falsch, was nur falsch laufen konnte, so dass alle Geiseln, ein Polizist und fünf Terroristen umkamen. Zuvor wurde jedoch noch der versammelten Weltpresse vermeldet, dass das Attentat unblutig beendet werden konnte. Anlässlich des vierzigsten Jahrestages (vielleicht etwas zu spät) wurde 2017 eine Gedenkstätte im Olympiapark in Sichtweite zum Tatort eröffnet.

Die Sechziger standen im Zeichen des sozialen Umbruchs: 1962 gab es erste Straßenschlachten in Schwabing, zum Teil weil lediglich die Nachtruhe durch  „Ansammlungen“ um ein paar Gitarrenspieler gestört wurde. 1962 spielten die Beatles im Zirkus Krone. 1968 kam es dann zu den großen Münchner Studentenkrawallen gegen den Springer-Konzern, die Vorboten einer bundesweiten 68er-Bewegung waren. In der Schelling- und Barerstraße starben am Ostermontag zwei junge Männer, ein Student und ein Pressefotograf, bei Straßenkämpfen gegen die Polizei. München erlebt 1968 ein Jahr der Demonstrationen, der Rebellion und Revolte, aber auch ein Jahr der Umwälzung.

 

Rainer Werner Fassbinder, sorgt auf der Theaterbühne für frischen Wind. Das Musical „Hair“, das 1968 im Theater an der Briennerstraße in über zweihundert Vorstellungen von 120.000 Münchner besucht wird, provoziert mit vollständig nackerten Darstellern. Der Kultfilm „Zur Sache Schätzen“, eine Komödie aus dem Münchner Studentenmilieu, macht die brave Uschi Glas und den umgangssprachlichen Begriff des „Fummelns“ berühmt. In Schwabing konnte man Billig-Plakate von Che Guevara, Mao Zedong und nackter Frauen erwerben. Uschi Obermaier tourte durch die Münchner Musikclubs und wurde dort als Fotomodell und Sex-Symbol entdeckt, bevor sie mit Rainer Langhans und zwei Dutzend Mitstreitern die Highfisch-Kommune in Schwabing gründete. München demonstrierte, strippte und rockte.

 

Die Sechziger waren noch die Jahre der Sechzger, also des TSV 1860. 1963 wird 1860 Süddeutscher Fußballmeister. Im Jahr 1963 war der TSV 1860 München Mitgründer der Bundesliga. 1964 wurde die Löwen DFB-Pokalsieger und konnte ein Jahr später im Finale des Europapokals der Pokalsieger im Londoner Wembley-Stadion antreten. In der Spielzeit 1965/66 wurden die Sechzger zum ersten und einzigen Mal Deutscher Meister. Im nächsten Jahr konnten sie nochmals Vizemeister werden, doch von da an ging es stetig bergab und 1970 folgte erstmals der Abstieg in die Regionalliga.

 

In der ersten Bundesligasaison 1965/66 war der FC Bayern noch auf dem dritten Tabellenplatz hinter den Sechzgern - übrigens das einzige Mal in der Geschichte der Bundesliga, dass beide Münchner Vereine am Saisonende unter den Top 3 standen. 1968 wurden die Bayern zum erstmals deutscher Meister, bis heute erhielten die Roten insgesamt 28 mal den begehrten Titel.