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Karl Scharnagl - der Bäcker vom Wienerplatz

1881 bis 1963 n. Chr.

Karl Scharnagl (*1881 in München; † 1963 ebenda) wuchs in Haidhausen am Wiener Platz auf und ließ sich von seinem Vater in der elterlichen Backstube zum Bäcker ausbilden. Der junge Bäckemeister interessierte sich schon früh für Politik und wurde jedoch erst 1911, kurz nach seinem Dreißigsten, Abgeordneter der Zentrumspartei im Bayerischen Landtag. 1912 wählten ihn die Münchner in den Stadtrat. 1925 wurde Karl Scharnagl erster Bürgermeister und 1927 Oberbürgermeister. Danach, von 1928 bis 1932, wurde er Landtagsabgeordneter der Bayerischen Volkspartei. 

 

Die Zeiten waren schwer: Irrsinnigen Reparationszahlungen, die Wirtschaftskrise, und die massive Inflation bis 1923 treffen München hart. Alleine in den drei Jahren von 1919 bis 1921 müssen über 1.500 Münchner Grundbesitzer ihre Anwesen mehrheitlich an ausländische Investoren verkaufen. Die Münchner waren schwer verunsichert und äußerst aufgewühlt.

 

Um 1923 hatten die Nazis in Bayern kurzzeitig einen beachtlichen Einfluss, waren aber nach dem dilettantischen Hitlerputsch von der bayerischen Regierung wieder stark zurückgedrängt worden, so dass Hitler in Bayern erstmals nur vergleichsweise mäßige Wahlergebnisse einfahren konnte.

Nach einer langen Durststrecke springt die Konjunktur Mitte der zwanziger Jahre endlich wieder an. Bürgermeister Scharnagl begrüßt den preußischen Reichspräsidenten Hindenburg zu der in ganz Deutschland beachteten Eröffnung des Deutschen Museums (am 7. Mai 1925). 

 

Im Rathaus engagierte sich Scharnagl beim Ausbau der Verkehrsnetze und beim Wohnungsbau (von 1928 bis 1930 entstehen 12.000 Wohnungen in München). Der kommunale Wohnungsbau war jedoch nur daher möglich, weil Scharnagl 1926 selbst nach New York reiste, um Anleiheurkunden

einer Dollar-Anleihe in Höhe von 8,7 Millionen US$ der Stadt München eigenhändig zu unterzeichnen.

Sehr ungewöhnlich war, dass der Oberbürgermeister zusammen mit seinem Finanzreferenten

eigens mit einem Flugzeug über den Ozean flog, um mit zwei Banken ins Geschäft zu kommen.

1928 eröffnet Scharnagl das Technische Rathaus, Münchens elfstöckiges Hochhaus mit Paternoster, an der Blumenstraße. Das Licht am Ende des Tunnels war schon erkennbar, als dann am 25.10.1929 in New York mit dem Schwarzen Freitag die Weltwirtschaftskrise eingeläutet wird. Durch die Krise verarmen breite Bevölkerungsschichten und die immer gewaltbereiter auftretenden Nazis erfahren einen immensen Aufschwung.

 

Nach der Machtergreifung durch die Nazis (9. März 1933) wurde Abends am Rathausturm eine riesige, rote Hakenkreuz-Fahne gehisst. Nach einigen Auseinandersetzungen legte Scharnagl sein politisches Amt nieder. Er gab zu Protokoll, dass er unter dem Vorbehalt aller seiner Rechte "der Gewalt weiche" und begann wieder Brezen zu backen. 

 

Im März 1933 wurde Bayerns Eigenständigkeit, die seit dem Mittelalter bestand, gewaltsam und gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung beendet.

München in den Zeiten des Nationalsozialismus

Mit dem Dritten Reich begann das dunkelste Kapitel und München fiel als "Hauptstadt der Bewegung" eine besonders unrühmliche Rolle zu.

 

Die Chronologie der Vor- und Kriegsjahre lesen Sie hier. 

Hitler residierte auch dank seiner frühen Förderer ab 1929 mondän im zweiten Stock am Prinzregentenplatz 16. Im vornehmen Bogenhausen lebten viele Nazi-Größen in direkter Nachbarschaft zu wohlhabenden jüdischen Münchnern. Gleich 1933 begann die Schikane der Juden, die etwa 1,6% (also ca. 12.000 Münchner bei einer Gesamtbevölkerung von 735.000) ausmachten. Nicht nur Juden, sondern auch sonst viele tausend Andersdenkender emigrierten kurz vor und nach der Machtergreifung. Lion Feuchtwanger (1932), Thomas Mann (1933), Oskar Maria Graf (1933), Therese Giehse (1933),  Wilhelm Hoegner (1933), Otto Bernheimer, der Münchner Kunst- und Antiquitätenhändler (1938) und Kurt Landauer, der sympathische Präsident des FC Bayern (1939) waren nur einige wenige, die Deutschland verlassen mussten. Die Nazis verbrannten Bücher, diffamierten moderne Kunst als entartet, bauten ein funktionierendes System an Blockwarts und Denunzianten auf, sie pflasterten den Königsplatz für ihre Aufmärsche, bauten unzählige hässliche NS-Denkmäler und hissten überall Hakenkreuz-Flaggen. Es gab staatlich organisierten Terror, sie fackelten Synagoge ab, schikanierten Andersdenkende, ermordeten Widerstandskämpfer und auch sonst zig Tausende Juden und Nichtjuden. Wer nicht fliehen konnte oder wollte, wurde ins "Vorzeigelager" nach Dachau verbracht und wer Pech hatte wurde weiter in ein Vernichtungslager deportiert. Obwohl Münchens alter Oberbürgermeister, Karl Scharnagl, nix mit einem gescheiterten Hitler-Attentat zu schaffen hatte, wurde auch er 1944 deshalb verhaftet und in Dachau inhaftiert.

Insgesamt wurden 74 Luftangriffe auf München registriert, bei denen nahezu die gesamte Münchner Innenstadt (zu etwa 90%) zerstört wurde. Nachdem der Zweite Weltkrieg endlich verloren war, setzten die Amerikaner Scharnagl schon im Mai 1945 wieder als Oberbürgermeister ein. Mit dem „Scharnagl-Plan“ wurde der Wiederaufbau der Innenstadt eingeläutet und er war es auch der sich für die Pläne einer verkehrsentlastenden Ringstraße, also den Altstadtring (heute Karl-Scharnagl-Ring), einsetzte.

 

Im August 1945 lud Scharnagl ein Duzend konservativ-bürgerliche Persönlichkeiten ein, um die Gründung der CSU zu diskutieren. Bereits ein Monat später fand dann die Gründungssitzung für die  Bayerische Christliche-Soziale Union statt. 

 

Im Juni 1946 wurde Scharnagl auch von den Münchnern wieder offiziell im Amt des Oberbürgermeisters bestätigt. 1947 ereilte ihn noch ein kleiner Skandal, da die Münchner Polizei im Besitz von FKK-Fotos war, auf denen der Herr Bürgermeister nackert - also ganz ohne Klamotten - "einer jungen, ebenfalls gänzlich unbekleideten Dame ins Schwimmbassin folgt." (so 'Der Spiegel')

1948 übernahm dann Thomas Wimmer, der Wimmer Dammerl von der SPD, der im Schutt des zerbombten Münchens stehend, den Satz prägte: "Rama dama!". 

 

Karl Scharnagl ging 1949 in den Ruhestand und verstarb 1963, im Alter von 82 Jahren, in München.

Abbildung: Karl Scharnagl haßte es einen Hut zu tragen. Anbei ein seltenes Gemälde mit Stock und Hut.