München in Zeiten des Kinis

König Otto I. - der vergessene König

1848 bis 1916 n. Chr.

Otto Wilhelm Luitpold Adalbert Waldemar wurde als drei Jahre jüngerer Bruder von Ludwig am 27. April 1848 in der Münchner Residenz geboren. Der kleine Otto war ein eher schwächliches, pausbäckiges Kind, das stets heiter und gesellig war. Er wuchs mit seinem Bruder auf und während dieser Schlösser mit Bauklötzen baute, spielte Otto Krieg mit einer ganzen Armee von Bleisoldaten. In der späteren Jugend las sein Bruder französische Literatur, während Otto seinen Vater bei Jagdausflügen begleitete und Hasen erschoss. Gerne gingen die beiden Brüder mit ihre Mutter zum Bergsteigen oder spielten mit ihr Fangen in der Residenz, was zwar der strengen Hofetikette widersprach, aber scheinbar saumäßigen Spaß machte.

 

Schon mit sieben entwickelte Otto die ersten Marotten sich unzählige Male am Tag waschen zu müssen und scheinbar begann er schon in der Jugend Stimmen zu hören.

Als hübscher junger Mann wurde er auch ein Freund der "geschürzten Muse", also des weiblichen Geschlechtes, zu dem er lebhaften Kontakt pflegte. Bis zu seinem 24. Lebensjahr lebte Otto in der Münchner Residenz.

 

Nach dem Tod seines Vaters, Max II., begleitete er seinen Bruder, den jungen König Ludwig II., häufig, "fröhlich lächeln" bei offiziellen Anlässen. Man verspürte brüderliche Eintracht bei gemeinsamen Oktoberfest- oder Theaterbesuchen und anderen Events, wie zum Beispiel dem Besuch des Metzgersprungs auf dem Schrannenplatz. Immer öfter übernahm Otto sogar die Repräsentationspflichten für Ludwig und wurde ein fast ständiger Begleiter seines Bruders.

Wie sein Bruder auch, haßte Otto die "Scheiß-Preußen", wie Ludwig sie nannte. Im Krieg gegen diese Preußen kämpfte Otto (im Gegensatz zu seinem Bruder) an der vordersten Front an der Seite Österreichs. Vermutlich wurde Ottos sensibles Gemüt im Angesicht der vielen Verwundeten und Toten damals schwer erschüttert, da er nach dem Krieg ab 1866 zunehmende depressiv, unkonzentriert und geistesabwesend war.

 

Halluzinationen, die er schon in seiner Jugend hatte, kamen jetzt verstärkt zum Vorschein. Er sah häufig Personen oder Gegenstände, die nicht vorhanden waren und wandelte  sich zum ängstlichen Melancholiker.

 

1867 gab es jedoch auch immer wieder Phasen völliger Normalität und er machte Rundreisen nach Italien, Frankreich, Spanien, Österreich, über den Balkan in die Türkei und ins heilige Land, wo er im August 1869 heftiges Fieber, vermutlich Malaria, bekam. Nach seiner Genesung konnte er seine Reise fortsetzen und kam am 24. September 1869 zurück nach München. Einige Monate später hatte Otto einen nochmaligen Fieberanfall, der von den Ärzten als eine "Störung des Nervensystems" gedeutet wurde.

 

Wieder genesen durfte oder musste Otto 1870/71 mit den "Blauen Teufel", wie die bayerischen Soldaten genannt wurden, diesmal gegen Frankreich zu Felde ziehen. Doch bis zum Schluss konnte er nicht mehr bei seinen Truppen bleiben, da er den  Kriegsstrapazen nicht mehr gewachsen war und wieder in große Depressionen verfiel.

Ein preußischer Journalist notierte im November 1871: "Aus München vermeldet man, dass sich Prinz Ottos Gesundheitszustand fortwährend verschlimmert". 

 

Die Jahre zuvor hatte sich Ludwig II. einige Male überlegt, ob er nicht abdanken sollte und seinem Bruder Otto die Regierungsgeschäfte zu übergeben. Es kam bekanntermaßen nicht so. Einige werden auch sagen, es kam leider nicht so, da Otto anders wie Ludwig niemals der "verhaßten" Kaiserproklamation in Versailles zugestimmt hätte. Mit einem König Otto hätte sich Bayern nicht den Preußen im Deutschen Reich untergeordnet und Bayern wäre, wie Österreich, vielleicht unabhängig geblieben?

Obwohl immer häufiger Ärzte konsultiert wurden, hatte Otto im Alter von 23 Jahren regelmäßig lichte Momente zwischen seinen Verhaltensauffälligkeiten. Ludwig berichtet über den Zustand seines Bruders "er legt sich 48 Stunden... gar nicht zu Bette, zog seine Stiefel seit 8 Wochen nicht mehr aus, gebärdet sich wie ein Wahnsinniger, macht schreckliche Faxen, bellt wie ein Hund und hat Momente, in denen er die größten Grobheiten einem ins Gesicht schleudert. Dann ist er oft wieder ganz natürlich und vernünftig wie sonst." Damals unterzog man Prinz Otto mehrmals ärztlichen Untersuchungen, deren Ergebnis die Diagnose "keine Aussicht auf Heilung" war. Daraufhin wurde eine ständige ärztliche Überwachung angeordnet.

 

Von Mai bis Dezember 1871 erhielt der Patient monatlich mehrstündige "Mahnreden" und "Moral-predigten", in diesen Gesprächstherapien versuchte man Otto mit geballter ärztlicher Autorität von seinen Wutausbrüchen abzubringen - doch dieser Ansatz war (aus heutiger Sicht nicht verwunderlich) völlig vergeblich. Auch eine obskure "Bäderkur" mit morgen- und abendlichen kalten Duschen ändere nichts an Ottos nervlicher Konstitution.

Abbildung: Prinz Otto, im Alter von 23 Jahren kurz vor seiner Überführung ins Schloss Nymphen-burg, dargestellt von Munichkindl (2016), darunter: Prinz Otto in jungen Jahren, Photograph unbekannt

Bis Ende 1871 lebte Prinz Otto noch mehrheitlich in seinem Appartement in der Residenz. Nachdem er häufig zu nächtlichen Spaziergängen ausbüxte, um sich mit leichten Damen zu vergnügen und im Fasching an "Nackerten Bällen" teilnahm, wurde er erstmals 1872 nach Schloss Nymphenburg gegen seinen Willen überstellt. Bei der Abholung durch seine Ärzte widersetze sich Otto und "stand ausgekleidet aufrecht im Bette". Otto protestierte dagegen, dass er "überfallen" wurde und man ihn als "Gefangen" behandelt, aber das half ihm nichts - er wurde bis 1875 in Nymphenburg weggesperrt, obwohl es regelmäßig Zeiten gab, in denen er vollständig bei Verstand war. Seine Auffälligkeiten häufen sich angeblich, zum Beispiel warf er kleine Zettelchen aus dem Fenster in Schloss Nymphenburg auf denen er notierte "Ich bin der Schönste. Ich werde immer sehr schön sein. Ich werde immer sehr schön bleiben. Ich bin sehr schön." wobei er den letzten Satz fünfmal wiederholte. Auch die nächsten drei Jahre brachte man ihn in den unterschiedlichen Schlössern außerhalb Münchens unter, um ihm die Hektik der Stadt und die Konfrontation mit neugierigen Gaffern zu ersparen. Ab 1878 wurde dann Prinz Otto offiziell entmündigt und im Jagd- und Lustschloss Fürstenried inhaftiert.

 

Über Fürstenried beklagte sich Otto bitter bei seinem Bruder Ludwig: "Es ist hier kaum mehr zum aushalten! Man hört und sieht Nichts und vereinzelt." Dennoch entschied man sich für Fürstenried als Internierungsanstalt für den "Hohen Kranken" und baute das Gebäude sowie die Parkanlagen mit Springbrunnen, Laubengängen aus. Zur Sicherung wurden hohe Mauern um das Schlossareal angelegt. Zwar konnte Prinz Otto nicht mehr heimlich entlaufen, doch war Fürstenried keine triste Irrenanstalt, weniger Gefängnis, sondern vielmehr eine äußerst luxuriöse Unterbringung mit prächtigen Sälen, wo Otto isoliert mit seinem Hofstaat lebte.

 

Wie sich das Schicksal von König Ludwig II. parallel entwickelte ist bekannt. Ludwig ließ sich bis an sein Lebensende über den Gesundheitszustand seines Bruders informieren. Interessant ist, was Ludwig niederschrieb, nachdem er 1874 (also bereits zwölf Jahre vor seinem tragischen Abgang) dem behandelnden Arzt seines Bruders, Dr. Bernhard von Gudden, eine Audienz gewährte: "Gudden sieht mich zuweilen so eigentümlich an. Wenn er nur nicht auch an mir noch irgendetwas herausfindet."

 

Als Ludwig (unter welchen Umständen auch immer) ertrank, wurde sein Bruder Otto am 14. Juni 1886 zum König proklamiert. Kurz darauf wurden die bayerischen Truppen auf König Otto I. vereidigt und Münzen mit seinem Konterfei gedruckt. Seine königliche Hoheit Prinz Otto wurde also zur Majestät und offizieller Nachfolger seines Bruders. 

Da der "schwermütige" Otto jedoch nicht in der Lage war, die Regierungsgeschäfte zu leiten, verblieb er bis zu seinem Tod 1916 abgeschieden in seinem Internierungsschloss. An seiner Stelle übernahm sein Onkel Luitpold bis 1912 die Regentschaft, der auch schon vor dem Ableben Ludwigs die "Reichsverwesung" übernommen hatte. 

In seinen letzten zwanzig Jahren hatte seine Majestät König Otto I. einen langen Vollbart, saß meist völlig apathisch in einem schweren Ledersessel und rauchte Zigarren oder selbst gedrehte Zigaretten und erkannte niemanden mehr. Seine Lieblingsbeschäftigung war es in der Parkanlage nach Erdbeeren zu suchen, sich mit Vögeln zu unterhalten oder von einem Hügel über die Mauer gen München zu blicken und ungehörte Ansprachen an sein Volk zu richten.

 

Von 1912 bis 1913 nahm dann sein Vetter Ludwig die Staatsgeschäfte für ihn wahr. Der bayerische Landtag beschloss mittels Verfassungsänderung, dass durch die dauerhafte Regierungsunfähigkeit eine Doppelmonachie ermöglicht wurde. Von 1913 bis zum Tod Ottos am 11. Oktober 1916 hatte Bayern mit Ludwig III. schließlich einen zweiten König.

Abbildung:

Foto von König Otto I. mit seinem Arzt und Pfleger, Schloss Fürstenried, Kolorierter Holzstich um 1890 und Goldmünze im Wert von 20 Reichsmark, geprägt um 1890

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