München im Barock

Ferdinand Maria, der historische Lückenfüller, der für die Münchner Stadtentwicklung jedoch nicht unwichtig war

1636-1679

Sein Vater Kurfürst Maximilian war mit 63 Jahren nicht mehr der Jüngste, als der kleine Ferdinand Maria 1636 das Licht der Welt erblickte.

 

Schon früh begann der Münchner Hof sich Gedanken zu machen, welche Braut für den Stammhalter in Frage kommt. Schnell hatte man sich eine Tochter der savoyischen Herzogsfamilie ausgeguckt, doch vor der Schließung des Ehevertrages schickte Kurfürst Maximilian seinen Spion, Ferdinando Egartner, nach Turin. Unter dem Decknamen Aloise Rizzi sollte Egartner Informationen über die Herzogsfamilie der möglichen Schwiegertochter einholen. Seine Geheimberichte bestätigten die schon im

jungen Alter legendäre Schönheit der Auserwählten, so dass der 14jährige Ferdinand Maria mit der gleichaltrigen Henriette Adelaide von Savoyen zügig vermählt wurde. Dieser Bund fürs Leben wurde 1650 als Handschuhhochzeit, also per procurationem, sozusagen kraft Vollmacht – also in der Abwesenheit des Brautpaares - vollzogen.

Sein Vater verstarb 1651 und da Ferdinand Maria erst 15 war, stand seine Regentschaft bis zu seiner Volljährigkeit unter der Vormundschaft seiner Mutter. Als einer seiner ersten Amtshandlungen genehmigte Ferdinand Maria den Paulanern den Bau eines Brauhauses im Auer Kloster (unterhalb des heutigen Nockerbergs). Die Mönche des Paulanerordens brauten drunten in der Au bereits seit 1634 ihr Bockbier für den Eigenbedarf und sollten sehr viel später erst das weltweit bekannte „Salvator-Bier“ erfinden.

 

Am 16. Mai 1652 brach Henriette Adelaide, seine Ehefrau, die er bis dato jedoch noch nicht persönlich kannte, mit einem Brautzug von 336 Pferden und 350 Packwagen in Richtung München auf. Ihr 16jähriger Gemahl ritt ihr entgegen, so dass sich das Brautpaar erstmals inoffiziell in Kufstein und zwei Tage später offiziell in Wasserburg am Inn begegnete.

Unter Glockengeläut, dem Donnern von 170 Geschützen und dem Jubel Tausender Münchner fährt die Prinzessin nach einer gut fünfwöchigen Reise schließlich Ende Juni 1652 mit ihrem Gemahl durch das Isartor, hinunter durchs Tal und zum Münchner Hof. Vier Tage später wird die Hochzeit nun endlich persönlich in der Hofkapelle erneuert.

Nach seinem Vater Maximilian, der eine herausragende Figur im Glaubenskampf war, muss Kurfürst Ferdinand Maria eher ein historischer Lückenfüller gewesen sein. Er erhielt den Beinamen „Pacificus“, also der Friedliebende, und hat in der Tat den Baiern eine18jährige Friedenszeit gesichert, da er anfänglich eine zurückhaltende Politik gegenüber dem französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. betrieb und sich erst 1670 an Frankreich anschloss.

 

Man glaubt es kaum, aber Ferdinand Maria hatte tatsächlich auch erwogen, eine baierische Kolonie in der Nähe des heutigen New York City und im südamerikanischen Guyana zu erwerben. Diese Pläne scheiterten jedoch an seiner Zurückhaltung, so dass den Bayern der Sprung über den Atlantik erspart blieb.

 

Ferdinand Maria war eher scheu, empfindsam und eigentlich ein rechter Pfenningfuchser, der auch die höfische Prachtentfaltung eher sparsam anging. Durch seine lebenslustige Ehefrau Henriette Adelaide zog jedoch der italienische Barock mit zahlreichen Musikern, Künstlern und Architekten in Bayern ein. Der Münchner Hof wurde mit dem Kurfürstenpaar wieder zu einem kulturellen Mittelpunkt.

 

Die Erleichterung und Freude ist groß als am 11. Juli 1662 der langersehnten Thronfolger geboren wird. Am 21. September wird der kleine Kurprinz dann auf den Namen Maximilian II. Emanuel Ludwig Maria Joseph Cajetan Antonius Nikolaus Franziskus Ignatius Felix getauft. Zur Feier wird an diesem Abend München mit unzähligen Feuerwerken und Feuerpyramiden erleuchtet. Auch an den darauffolgenden Tagen findet als Geburtstagsfeier ein „Churbaierisches Freudenfest“ statt, bei dem sich nicht nur der Münchner Hof mit seinen Gästen, sondern auch das gemeine Volk beteiligen darf. Es wird Brot verteilt und der Adel wirft Geldstücke unters Volk. Das Kurfürstenpaar belustigt sich im Opernhaus am Salvatorplatz und in der Fortsetzung der Feierlichkeiten findet ein Turnierspiel statt, das anfänglich im überdachten Brunnenhof der Residenz beginnt und im Turnierhaus am Hofgarten fortgesetzt wird. Erst am 1. Oktober findet das Fest mit einer dreistündigen Feueroper mit Bühnenflößen und anschließender pompöser Wasserschlacht auf der Isar seinen Höhepunkt.

 

Nach der Geburt von Max Emanuel erfüllt die Kurfürstin Henriette Adelaide das Gelübde, die „schönste und wertvollste Kirche“ errichten zu lassen. Aus Dank für die Geburt des Stammhalters wird die Klostergemeinschaft des Theatinerordens in München angesiedelt und 1663 die Hofkirche St. Kajetan zu den Theatinern (Theatinerkirche) errichten. Bereits vor der Geburt von Max Emanuel bestimmt sie hierfür den künftigen Bauplatz und lässt gegenüber der Residenz direkt an der Stadtmauer beim Schwabinger Tor, Ecke Schwabinger Gasse (heutige Theatinerstraße) und Kuhgasse (heutigen Salvatorstraße) einige Häuser aufkaufen, um sie abzureißen. Für den Bau der Theatinerkirche wird ein italienischer Architekt aus Bologna (Agostino Barelli) verpflichtet, da die einheimischen Baumeister „piu idioti nell’ edificare una fabrica di tanta importanza“ oder freundlich gesagt einfach zu unerfahren sind, um ein Bauwerk von größerer Bedeutung zu bauen. 1674 vollendet Barelli den Rohbau und verlässt München. Gleich darauf übernimmt Enrico Zuccalli die künstlerische Leitung und bestimmt später die Form der 71m hohen Tambourkuppel und der eigenwilligen Türme.

 

Auch Ferdinand Maria macht seiner Gattin zur Geburt ein großzügiges Geschenk. Sie erhielt (1664) die „Schwaige Kemnaten“ und ließ dort ein Sommerhaus errichten. Als Huldigung an die antiken Naturgottheiten gibt man dem Schloss den Namen „Borgo" oder „Castello delle ninfe“, doch in den Baurechnungen wird der schöne Name schlicht mit „Nymphenburg“ angegeben.

 

Obwohl Baiern keine Seemacht ist, lässt Ferdinand Maria für seine geliebte Frau für knapp 20.000 Gulden den Bucentaur das große „Leibschiff“ der kurfürstlichen Flotte von venezianischen Schiffsbau-Meistern erbauen (1662-1665). Dieser luxuriöse, schwimmende über dreißig Meter lange Palast wird nach der goldenen Galeere des Dogen von Venedig benannt (bucintoro oder buzzo d’oro). Dieses Prunkschiff, mit dem der Kurfürst auf dem Würmsee (heutigen Starnberger See) umher schipperte, war das größte Ruderschiff auf einem deutschen Binnen-gewässer. Im Untergeschoss waren 16 Kanonen aufgestellt und dort saßen auch etwa 130 schlechtbezahlte Ruderer. Auf dem Hauptdeck hielten sich die hohen Herrschaften auf und das Oberdeck diente den Matrosen und der Schiffskapelle. Ferdinand hatte es angeblich geliebt vor den Augen des Hofs ins Wasser zu springen und unter dem Schiff hindurchzutauchen. Eines Nachts im Sommer 1666 als der Bucintoro bei Possenhofen nachlässig angelegt war und die kurfürstliche Familie dort nächtigte, löste sich durch einen plötzlichen Sturm die Vertäuung und trieb den schwimmenden Palast hinaus auf die See. Kurfürstin Henriette Adelaide berichtet in einem Brief, wie sie in Panik geriet, während ihre kleine Tochter die aufgelöste Mutter zu trösten versuchte und man schließlich mit deutlicher Schlagseite in seichten Gewässern strandete. Nach dem Schock musste die kurfürstliche Familie auch noch die Nacht in einer Bauernhütte verbringen - auch dies muss für alle eine neue Erfahrung gewesen sein. Wenn man keine Lustfahrten auf dem Starnberger See unternahm, vergnügte man sich auf der Sauhatz, im Winter waren Schlittenfahrten angesagt und grundsätzlich wurden immer gerne Feste ausgerichtet.

 

Der 9. April 1674 war ein rabenschwarzer Tag - durch die Unachtsamkeit einer Kammerfrau wird ein verheerender Brand ausgelöst, der große Teile der Residenz zerstörte. In letzter Minute konnte die Kurfürstin barfuß ihre Kinder retten und zog sich dabei jedoch eine Erkältung zu, die nach zweijährigem Leiden zu ihrem Tod führte. Mit nur 39 Jahren verstirbt Henriette (1676) und wird als erste in der neuen Wittelsbacher Gruft in der Theatinerkirche bestattet.

 

Fünf Jahre später stirbt auch Kurfürst Ferdinand Maria von Baiern am 26. Mai 1679 in Schleißheim. Auch er wird in der Fürstengruft in der Theatinerkirche beigesetzt. Sein Nachfolger wird sein erstgeborener Sohn Max Emanuel, der aber bis zu seinem 18. Geburtstag (1680) von seinem Onkel Maximilian Philipp unter Vormundschaft genommen wird.

Abbildungen (von oben nach unten): Ferdinand Maria mit Henriette Adelaide von Savoyen dargestellt vom Munichkindl (2015) sowie von Sebastiano Bombelli (1666), darunter die Theatinerkirche an der Stadtmauer neben dem Schwabinger Tor gemalt von Joseph Carl Cogels (1814), Theatinerkirche mit -kloster (um 1700) Stich von Michael Wening, das Churfürstliche Schwaig und Lusthaus Nymphenburg im Stich von Michael Wening (1701), sowie der Bucentaur auf dem Starnberger See nach dem Gemälde von E. Kirchner (1868)

 

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